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Ein Albtraum aus drei Ladeadressen und einer Entladestelle, bei dem niemand wusste, welche Palette die wichtigste war. Für Dispo und Fahrer wurde es eine schlaflose Nacht voller Hektik und falscher Prioritäten.
Es war ein Dienstag kurz vor Feierabend, als bei der Flott-Fracht GmbH die E-Mail des Vertriebs einschlug: Der neue Blitz-Baumarkt in Poing bräuchte dringend Bauteile von drei verschiedenen Lieferanten. „Dringend!“ stand in riesigen roten Lettern. Vertriebler Meier hatte, natürlich erst um 16:15 Uhr, dem Kunden die „Just-in-Time“-Lieferung bis 7:00 Uhr morgens versprochen. Ohne jede Rücksprache.
Sven, Disponent aus Leidenschaft (oder Gewohnheit), knirschte mit den Zähnen. Drei Ladeadressen, eine Entladung. Die erste Laderampe schloss um 17:00 Uhr, die zweite um 18:30 Uhr und die dritte hatte „flexible“ Öffnungszeiten bis 20:00 Uhr. „Passt schon“, murmelte Sven, mehr zu sich selbst als zu seiner Tastatur. Er schob die Tour Rolf unter. Rolf, der erfahrene Fels in der Brandung, kriegt das schon. „Rolf, der Kunde ist König!“, rief er noch, während er das Telefonat mit dem Blitz-Baumarkt entgegennahm und „alles unter Kontrolle“ versicherte.
Zitat des Tages
„Ein Zeitfenster ist für den Vertrieb ein Verkaufsargument. Für die Dispo ist es ein Drohbrief.“
Rolf, unser Fahrer-Urgestein mit 30 Jahren auf dem Bock, nahm die Tour entgegen. Drei Ladeadressen in einem 50-km-Radius, dann 150 km Fahrt zum Blitz-Baumarkt. Die Lenkzeit saß ihm schon im Nacken, bevor der Motor überhaupt lief. Bei der ersten Adresse fehlte natürlich der Staplerfahrer. Bei der zweiten hatte die Ware Verspätung, weil ein „noch dringenderer“ Exportauftrag dazwischengeschoben wurde. Die dritte Rampe war besetzt. „Gleich frei“, sagte der Lagerist um 19:30 Uhr und meinte damit irgendwann vor Mitternacht.
Um 22:45 Uhr waren alle Paletten geladen. Drei Lieferscheine, drei Paletten, keine Priorität. Auf jedem stand „DRINGEND!“ Rolf wählte Svens Nummer. „Sven, alle Paletten sind jetzt drauf. Aber welche zuerst runter? Steht nix drauf.“ Sven rief den Vertrieb an. Meier war schon im Feierabend. „Aber das IST WIRKLICH DRINGEND! Alle Paletten gleichzeitig!“ Sven versuchte den Blitz-Baumarkt zu erreichen. Erfolglos. „Rolf, mach’s nach Gefühl. Du bist der Profi, du weißt das.“
Rolf erreichte den Blitz-Baumarkt in Poing um 6:40 Uhr. Rampe 2 war frei. Ein müder Lagerist öffnete das Tor. „Drei Paletten? Welche zuerst?“ Rolf zuckte die Achseln. „Das ist die Frage, mein Freund. Ich lade mal die ab, die am besten zu erreichen ist.“ Kaum hatte Rolf die erste Palette mit Sanitärkeramik abgesetzt, klingelte Svens Telefon. Der Projektleiter vom Blitz-Baumarkt, eben erst ins Büro gekommen, brüllte in den Hörer: „Die Dachziegel! Wir brauchen die ZIEGEL ZUERST! Die Monteure stehen schon bereit!“
Rolf fluchte leise. Die Dachziegel waren natürlich ganz hinten im LKW, unter den Fliesen und der restlichen Sanitärkeramik. Panische Anrufe, Rückfragen, Schuldzuweisungen. Der Stapler des Baumarkts fuhr ziellos herum, die Rampe war nun blockiert. Sven beschwichtigte den Vertrieb, der wiederum dem Kunden eine Entschädigung versprach. Rolf musste umladen, Paletten hin- und herschieben. Das Chaos kostete dem Bauprojekt über eine Stunde. Und Rolfs Lenkzeit war im roten Bereich. Die versprochene Rückladung „direkt um die Ecke“ (200 km entfernt) musste gecancelt werden.
Branchenfazit
„Wenn alle Paletten dringend sind, ist keine Palette dringend. Nur die Kosten für die Wartezeit.“
Fazit, unromantisch ehrlich: Am Ende war die Ware im Blitz-Baumarkt. Irgendwann. Der Kunde hatte seine Dachziegel, der Vertrieb seinen Auftrag und Sven einen blutigen Hörer. Und Rolf? Der hatte wieder einmal mit seiner Erfahrung die Planungswüste umschifft. Die Erkenntnis blieb: Solange niemand weiß, was zuerst wohin muss, bleibt „Just-in-Time“ ein Versprechen und „Just-in-Chaos“ die gelebte Realität auf deutschen Straßen und Rampen.
Hinweis: Dieser Beitrag ist Satire.