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Ein eiliger Auftrag für ein „Super-Turbinen-Teil“ sollte nur ein „erweiterter Nahbereich“ sein, bis die Geografie und ein besonders gerader Blick auf die Karte die Spedition „Schnelltransporte GmbH“ an den Rand des Nervenzusammenbruchs brachten.
Es war Dienstagmittag, als der Anruf reinkam. Die „Super-Turbinen-Teile GmbH“ brauchte dringend ein Ersatzteil nach Ust-Kamenogorsk, Kasachstan. „Absolut kritisch, Herr Mike! Bis Donnerstagmittag muss es dort sein, sonst steht die Produktion still“, krächzte der Vertriebler der Super-Turbinen-Teile ins Telefon. Mike Multi-Task, der Disponent der Schnelltransporte GmbH, spürte bereits ein Zucken im rechten Augenlid. Kasachstan, Donnerstagmittag – mit einem LKW aus Gelsenkirchen.
Wenige Minuten später stand Chef Knut Kurbel neben Mikes Schreibtisch, eine großformatige Europa-Karte auf den Tisch geknallt. „Mike, kein Problem! Guck mal! Das ist doch nur geradeaus! Ein Strich von hier bis dahin, perfekt für unseren neuen Volvo!“ Kurbel zog mit dem Finger eine imaginäre Linie, die aussah, als hätte sie die Krümmung der Erde ignoriert. „Die Entfernung sieht auf der Karte so grob sympathisch aus. Das machen wir als erweiterten Nahverkehr. Unsere Kunden schätzen das.“
Zitat des Tages
„Kasachstan? Chef, wenn das Nahverkehr ist, dann war die erste Mondlandung ein kleiner Sonntagsausflug.“
Mikes Einwand, dass selbst die schnellste Route fast 6000 Kilometer betrug und somit weit über jeglicher Nahverkehrsdefinition und Fahrerlenkzeit lag, wurde vom Chef mit einem freundlichen „Sehen Sie nicht so kleinlich, Mike!“ abgewürgt. Der Vertrieb hatte den Auftrag längst als „Sonderfahrt, Express, erweiterter Nahbereich“ bestätigt, inklusive Liefergarantie für Donnerstagmittag. Mike hatte kaum Zeit, Charly Brumm, den dienstältesten Fahrer, zu erreichen. Charly sollte mit seinem aktuellen Fernverkehrs-LKW, der gerade in Paderborn entladen hatte, die Tour übernehmen.
„Charly? Du fährst jetzt nach Gelsenkirchen, lädst ein Turbinen-Teil und dann? Ab nach Kasachstan. Zustellung bis Donnerstagmittag.“ Am anderen Ende der Leitung herrschte eine lange Stille. „Mike, hast du heute Morgen Lack gesoffen? Ich bin hier in Paderborn. Und mein LKW ist nicht mit Raketentriebwerken ausgerüstet. Und falls du es vergessen hast: Es ist Dienstag.“ Charlys trockene Reaktion war erwartet worden. Chef Kurbel winkte Mike zu: „Einfach machen lassen, Mike. Charly ist ein alter Hase, der kriegt das schon hin!“
Charly fuhr nach Gelsenkirchen, nur um dort zwei Stunden Wartezeit an der Rampe zu erleben, weil die „dringende“ Ware noch gar nicht kommissioniert war. Inzwischen meldete sich die Super-Turbinen-Teile GmbH: „Avisierung für Donnerstagmittag, aber der Empfänger in Ust-Kamenogorsk geht nicht ans Telefon. Und am Wochenende ist das Werk geschlossen.“ Mike versuchte dem Chef die neuen Probleme zu erklären, aber Kurbel war schon bei der Rückladung: „Der Vertrieb hat doch eine sichere Rückladung aus der Region versprochen, Mike! Eine Palette mit Hightech-Sensoren aus Almaty!“ Ein schneller Blick auf die Karte zeigte, dass Almaty knapp 1000 Kilometer von Ust-Kamenogorsk entfernt lag – und die „sichere“ Rückladung noch nicht einmal avisiert war, geschweige denn als Transport bestätigt. Charly musste am Samstagmorgen vor verschlossenen Toren in Kasachstan stehen, während Mike zwei Tage lang versuchte, jemanden im kasachischen Werk zu erreichen. Die Lenkzeiten waren längst Makulatur, der Treibstoffverbrauch explodierte und die „sichere“ Rückladung aus Almaty entpuppte sich als Wunschdenken des Vertriebs, der „mal bei einem Gespräch eine lose Zusage bekommen hatte.“
Charly konnte das Turbinen-Teil erst am Montagmorgen abladen. Völlig übermüdet, mit 8000 zusätzlichen Kilometern auf dem Tacho und einem leeren Rücklade-Raum trat er die Heimreise an. Die Kosten sprengten jede Kalkulation, aber der Kunde hatte ja seine Ware. Drei Tage zu spät, aber Hauptsache, der gerade Strich auf der Karte sah für den Chef sympathisch aus. Die „Super-Turbinen-Teile GmbH“ schickte später eine freundliche Mail, dass die Lieferzeit „grenzwertig war, aber man sei ja flexibel.“
Branchenfazit
Nahverkehr beginnt da, wo der Chef auf der Karte nicht mehr nur geradeaus guckt – oder die Lenkzeit nicht mehr mit einem Kugelschreiber überbrückt werden kann.
Fazit, unromantisch ehrlich: Wenn Vertrieb und Chef die Realität ausblenden, bezahlt es am Ende die Dispo mit Kopfschmerzen und der Fahrer mit Überstunden. Die Branche verspricht Flexibilität, ohne die Kosten zu sehen, und wundert sich dann, warum aus einem geraden Strich ein schiefes Geschäft wird.
Hinweis: Dieser Beitrag ist Satire.