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Wenn der Kunde nicht nur die Zeit, sondern auch die Physik überlisten will, beginnt der Dispo-Wahnsinn. Ein Fall aus dem Speditionsalltag, der selbst erfahrene Disponenten an den Rand des Wahnsinns treibt.
Es war kurz vor Feierabend, als bei „Flotte Fuhre GmbH“ der Bildschirm blinkte. Ein neuer Auftrag von „BlitzBlank AG“: Sonderfahrt, 420 Kilometer, von Remscheid nach Passau. Dringend, versteht sich. „Am besten gestern schon da gewesen!“, tönte die Stimme von Herrn Kesselflicker aus der Einkaufsabteilung von BlitzBlank am Telefon. „Wir brauchen den LKW heute noch zur Beladung, Auslieferung morgen früh um sieben, pünktlich!“
Disponent Bernd verdrehte die Augen. Kurz nach vier, 420 Kilometer bis Passau, Beladung heute Abend? Die Vertriebsabteilung hatte mal wieder magische Zeitfenster verkauft. Er klickte sich durch den Tourenplan. Fahrer Günther war gerade auf dem Rückweg von Osnabrück, aber noch 100 km entfernt und schon auf der letzten Rille seiner Lenkzeit. Andere LKW waren entweder ausgelastet oder in der Werkstatt. „Klar, kriegen wir hin“, murmelte Bernd ins Telefon, obwohl sein Magen gerade einen Knoten machte.
Zitat des Tages
„Lieferung vor Bestellung? Geht nur mit ’ner Zeitmaschine. Und die hat bei uns noch keiner auf dem Hof stehen.“
Bernd telefonierte Günther an. „Du, Günther, kleine Änderung. Sonderfahrt Passau, 420 Kilometer. Beladung heute noch, Zustellung morgen früh.“ Günther schwieg kurz. „Bernd, mein lieber, ich bin in 45 Minuten durch. Ich sitze schon quasi im Pyjama. Und dann sind das noch gut sechs Stunden reine Fahrzeit. Plus Beladung. Plus Pause. Plus Rampe. Das wird dann eher übermorgen früh.“ Die Rampe bei BlitzBlank meldete derweil: „Klar, kommen Sie vorbei. Wir sind durchgehend besetzt – bis 18:00 Uhr. Danach nur noch Notdienst, falls überhaupt.“
Herr Kesselflicker von BlitzBlank rief erneut an. „Der LKW ist noch nicht unterwegs? Wir haben doch gesagt, dringend! Die Produktion wartet!“ Bernd versuchte zu erklären, dass 420 Kilometer plus Lenkzeit plus Beladung nicht einfach verschwinden. In dem Moment kam Chef Schmidt vorbei. „Was ist los, Bernd? Der Plan ist ja noch weiß wie Schnee. Da geht doch noch was. Wir sind doch flexibel für den Kunden!“ Schmidt sah nur leere Felder im System, wo Bernd in Gedanken schon die Stunden für Ruhezeiten und Stau eingerechnet hatte.
Nach weiteren 30 Minuten hektischen Telefonierens fand Bernd einen Aushilfsfahrer, der eigentlich schon Feierabend hatte, aber gegen Aufpreis bereit war, zu fahren. Der LKW, den er bekommen konnte, stand allerdings in Bielefeld – 150 Kilometer von Remscheid entfernt. Also erst die Leerfahrt nach Remscheid, dann 420 Kilometer nach Passau. BlitzBlank meldete um 17:30 Uhr, dass die Ware leider doch erst um 19:00 Uhr bereitstünde, man aber die Auslieferung um sieben Uhr morgens in Passau „alternativlos“ brauche. Die Rückladung, die Bernd im Kopf für den Rückweg eingeplant hatte, stellte sich als „irgendwo im Bayerischen Wald, wenn Sie schon mal hier sind“ heraus – weitere 200 Kilometer Umweg.
Der Aushilfsfahrer, nennen wir ihn Karl-Heinz, kam schließlich um 21:00 Uhr von Remscheid los. Die Tour wurde zur Nacht-und-Nebel-Aktion. Natürlich war die Rampe in Passau am Samstagmorgen um sieben Uhr – trotz vorheriger Avisierung – nur spärlich besetzt und Karl-Heinz musste eine Stunde warten. Der Kunde BlitzBlank beschwerte sich später über die „verspätete“ Zustellung und die „hohen“ Sonderfahrtkosten. Bernd saß am Montag mit hängenden Schultern am Schreibtisch. Der Chef fragte, warum die Tour so teuer geworden sei, „da war doch noch Luft im Plan!“
Branchenfazit
Ein LKW, der vor der Anfrage an der Rampe steht, ist kein Traum. Das ist ein LKW, der einfach schon 24/7 rumsteht und darauf wartet, dass jemand überhaupt etwas transportieren will.
Fazit, unromantisch ehrlich: Die Sonderfahrt von Remscheid nach Passau wurde zum Paradebeispiel der Dispo-Hektik. Der Kunde wollte das Unmögliche, der Vertrieb verkaufte es, der Chef kalkulierte zu optimistisch, und die Dispo versuchte, die physikalischen Gesetze neu zu verhandeln. Am Ende bügelte der Fahrer mit seiner Lenkzeit und Geduld aus, was vorher an Realitätssinn gefehlt hatte. Und alle wunderten sich, warum Logistik so kompliziert ist.
Hinweis: Dieser Beitrag ist Satire.