Fahrer fehlen, Dispo telefoniert, Seniorchef: Früher nix gejammert

SPEDITION & REALITÄT

FAHRER FEHLEN! WER KONNTE DAS AHNEN?

Morgens Krankmeldung, mittags Rampenchaos, abends Parkplatz-Lotto: Die Branche sucht Fahrer — und wundert sich gleichzeitig, warum niemand mehr Lust auf Wunder zum Mindesttarif hat.

Deutschland • transportzentrum.de Redaktion • Satire

Morgens um sechs klingelt das Telefon in jeder Spedition lauter als der Kühlerlüfter eines stehenden Zuges. Fahrermangel, Zeitfenster und Dieselpreis — ein Dreigestirn, das jede Disposition sofort in Brand setzt.

Der Tag beginnt mit der klassischen Krankmeldung. Fahrer Benni ist raus. „Gelenke“, sagt er am Telefon. Mehr nicht. Ein Wort reicht. In der Dispo weiß jeder: Wenn ein Fahrer morgens nur ein Körperteil nennt, ist die Tour offiziell auf Wanderschaft.

Disponentin Nadine schaut auf den Bildschirm. Genug Aufträge. Zu wenig Leute. Drei Touren müssen raus, zwei Fahrzeuge stehen schief im Plan, ein Lkw sollte gestern „nur kurz“ in die Werkstatt und hat dort offenbar eine feste Beziehung angefangen.

Zitat des Tages

„Wir haben keinen Fahrermangel. Wir haben nur zu viele Aufträge für die Anzahl Menschen, die sich das noch freiwillig antun.“ — Nadine, Dispo

Das Adressbuch wird zur Notfallapotheke

Also wird das komplette Adressbuch durchgeklingelt. Ehemalige Aushilfen, Urlaubsvertretungen aus dem Jahr 2012, ein Rentner mit CE-Führerschein, der angeblich nur noch Rosen schneidet, und der Typ, der damals eigentlich nur für einen Kaffee reingeschaut hat.

Erwartung der Geschäftsleitung: sofort einsatzbereit.

Realität: Handynummern wechseln schneller als Spritpreise. Einer geht nicht ran. Einer sagt, er fahre nur noch Wohnmobil. Einer fragt, ob das mit den Rampen inzwischen besser sei. Nadine legt kurz auf, schaut aus dem Fenster und sagt nichts. Diese Frage war unnötig hart.

Chef Rüdiger kommt ins Büro, als hätte er eine Lösung gefunden. Hat er aber nicht. Er sagt nur: „Wir müssen attraktiver werden.“

Dann fragt er im selben Atemzug, ob jemand einen Fahrer kennt, der heute spontan, günstig, zuverlässig, flexibel, deutschsprachig, ADR-erfahren, staplerfest, rampentauglich und dankbar wäre.

Nadine

„Wenn wir den finden, stelle ich ihn nicht ein. Dann melde ich ihn beim Museum für ausgestorbene Berufsarten an.“

Der Kunde will heute noch. Die Rampe eher nächste Woche.

Während die Dispo telefoniert, sitzt Chef Rüdiger zwischen Frachtrückfragen und Telefonterror. Kunde Müller will „heute noch“, obwohl seine Rampe seit zwei Stunden voller Lkw steht und das Zeitfenster so flexibel ist wie eine Betonplatte mit Eisenkern.

„Gleich frei“, sagt der Kunde.

In der Realität bedeutet das: drei Palettenchaos, zwei fehlende Lieferscheine, ein Stapler ohne Fahrer und ein Azubi, der gerade lernt, dass „richtig rum“ bei Paletten offenbar eine philosophische Kategorie ist.

Standgeld droht. Also theoretisch. Erst wird es verlangt, dann diskutiert, dann vergessen, dann wieder gefordert, dann aus Kulanz halbiert und am Ende fragt der Kunde, ob man da nicht partnerschaftlich drüber hinwegsehen könne.

Partnerschaftlich heißt in der Transportbranche oft: Einer wartet, einer zahlt, einer erklärt später, dass es am Markt liegt.

Diesel frisst Marge, Maut frisst Stimmung

Die Mautkosten steigen, der Frachtsatz bleibt stehen und der Dieselpreis weint in der Kalkulation. Eine Tour, die auf dem Papier plus macht, wird in der Realität zur Matheaufgabe mit Tränen.

Kilometer mal Diesel mal Maut mal Parkgebühren mal Stau mal Rampe mal „der Kunde zahlt das nicht“ ergibt am Ende eine Zahl, bei der die Buchhaltung vorsichtig fragt, ob das eine Rechnung oder ein Hilferuf ist.

Leerfahrten werden inzwischen so kreativ erklärt, dass sie fast Kunst sind. Einer fährt zur nächsten Baustelle, um Paletten zu „verlagern“. Ein anderer holt eine Rückladung, die nur deshalb Rückladung heißt, weil sie irgendwo zurück in die Nähe von Ärger führt.

Auf dem Papier ist alles ausgeglichen. In echt sind es einfach weniger Euro am Ende des Tages.

Buchhaltung

„Die Tour war knapp kalkuliert. Also knapp am wirtschaftlichen Totalschaden vorbei.“

Die Werkstatt hat auch noch Humor

Parallel ruft der Werkstattmeister an und sagt, der Termin sei „nur leicht verschoben“. Das ist Werkstattsprache und bedeutet: Der Lkw steht noch genauso da wie gestern, nur mit mehr Staub und schlechterer Laune.

Zwei Stunden später blinkt die Warnlampe am Ersatzfahrzeug. Die Werkstatt hat jetzt plötzlich eine ganze Woche freie Zeitfenster — für eine Reparatur, die eigentlich gestern schon fällig war.

Nadine jongliert zwischen Kunde, Fahrer, Werkstatt und Chef. Dazu kommt der Seniorchef, der plötzlich im Türrahmen steht und mit dem Satz aller Sätze beginnt:

„Früher haben wir das doch auch allein gefahren.“

Wenn Seniorchefs früher sagen, wird die Realität kurz weichgezeichnet. Dann gab es angeblich keine Parkplatznot, keine Maut, keine Apps, keine Diskussionen, keine Rampenzeitfenster und vermutlich auch keine Rückenschmerzen. Nur Arbeit, Kaffee und Männer, die noch wussten, wo der Hammer liegt.

Der Seniorchef steigt selbst ein

Am Ende des Tages sitzt der Seniorchef tatsächlich am Steuer. Sichtbar stolz. Sichtbar entschlossen. Sichtbar überrascht davon, dass moderne Lkw mehr Knöpfe haben als früher ein ganzes Wohnzimmer.

Auf dem Weg zurück vom Kunden hält er an einer Raststätte, zählt die verfügbaren Parkplätze und sagt laut: „Damals hat man einfach geparkt.“

Ein junger Fahrer hört zu, zeigt auf das Schild „Parken verboten“ und fragt, ob damals auch die Polizei anders war.

Der Seniorchef schnauft. Dann zuckt er mit den Schultern und sagt: „Früher hat keiner gejammert.“

Im Hintergrund piept der Tachograph. Der Lkw zischt. Ein Kühlauflieger brüllt. Und irgendwo sucht ein Fahrer seit 40 Minuten einen Schlafplatz. Früher hätte vermutlich auch der Lkw gejammert, nur hatte er noch kein Display dafür.

Junger Fahrer

„Wenn früher alles besser war, warum will dann keiner mehr zurück in den Fernverkehr von früher?“

Die Branche ist nicht ganz unschuldig

Natürlich ist vieles von außen schwer geworden: Kosten, Maut, Diesel, Bürokratie, Parkplatznot, Rampenwahnsinn. Alles richtig. Alles ärgerlich. Alles real.

Aber die Branche hat sich auch selbst ein paar schöne Eigentore geschossen. Jahrelang wurde Fahrzeit als Selbstverständlichkeit behandelt, Wartezeit als Charakterbildung und Fahrerkomfort als nette Zugabe, falls noch Geld übrig ist.

Man hat Touren geplant, als könnten Menschen schlafen, duschen, essen, rangieren, laden, warten, lächeln und 600 Kilometer fahren — alles bitte pünktlich und ohne Zusatzkosten.

Und dann wundert man sich, dass junge Leute nicht massenhaft Schlange stehen, um nachts auf Rastplätzen zwischen Kühlaufliegern und Urinflaschen von der großen Freiheit zu träumen.

Branchenweisheit

„Wer Fahrer wie Verbrauchsmaterial behandelt, sollte sich nicht wundern, wenn der Nachschub irgendwann ausbleibt.“

Zurück im Büro: Drei Telefone und null Wunder

Zurück im Büro klingeln drei Telefone gleichzeitig. Die Palettenliste ist theoretisch ausgeglichen, der Kunde behauptet, die Ware sei nie angekommen, und der Lieferant besteht auf Standgeld.

Nadine tippt hektisch. Chef Rüdiger telefoniert weiter mit Ehemaligen. Der Seniorchef macht Unterschriften und erzählt dabei schon zum dritten Mal, wie man früher mit Karte und Bauchgefühl bis nach Mailand gefahren ist.

Am Ende des Tages steht ein neuer Tourplan, drei neue Probleme und die Erkenntnis: Es gibt genug Aufträge. Es gibt genug Kundenwünsche. Es gibt genug Excel-Tabellen.

Nur eben nicht genug Leute, die das unter realen Bedingungen abfahren wollen.

Kommentar: Ein Obstkorb löst keinen Fahrermangel

Die Branche braucht keine Wunder. Und auch keinen Motivationsspruch an der Bürowand, auf dem ein Sonnenuntergang mit dem Wort Teamgeist steht.

Sie braucht realistische Konditionen: faire Löhne, vernünftige Parkplätze, planbare Zeitfenster, saubere Tourenplanung und Kunden, die verstehen, dass ein Lkw nicht durch Telepathie entladen wird.

Aber sie braucht auch ehrliche Selbstkritik. Wer immer nur mehr, schneller, billiger ruft, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann nur noch das Echo antwortet.

Branchenfazit

Fahrermangel entsteht nicht über Nacht. Man muss ihn sich über Jahre sorgfältig erarbeiten.

Fazit, unromantisch ehrlich: Fahrer fehlen nicht, weil plötzlich alle lieber Yoga-Lehrer werden wollten. Fahrer fehlen, weil der Job oft mehr fordert, als er zurückgibt. Und solange man das mit alten Sprüchen, neuen Apps und einem Obstkorb im Pausenraum lösen will, bleibt der Alltag eine Satire, die keiner schreiben muss — weil sie morgens um sechs von selbst anruft.

Satire-Hinweis: Dieser Beitrag ist frei erfunden, überzeichnet und satirisch gemeint. Genannte Personen, Unternehmen, Kunden, Fahrer, Disponenten, Werkstätten und Seniorchefs sind satirische Darstellungen. Ähnlichkeiten mit echten Speditionen, Krankmeldungen, Parkplatzproblemen oder nostalgischen „Früher war alles besser“-Momenten wären reiner Zufall — aber im Transportalltag nicht völlig ausgeschlossen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert