Logistik-Wahnsinn: Eil-Mail für längst verstaubte Fracht!

DISPO & WAHNSINN

Ein Eilauftrag kommt rein. Rotes Ausrufezeichen! Der Puls schießt hoch. Einziges Problem: Die Ware wartet schon seit Dienstag im Warenausgang. Willkommen im Dispo-Wahnsinn.

Deutschland • transportzentrum.de Redaktion

Es war Dienstag, 16:47 Uhr. Ein Betreff wie ein Schlag in die Magengrube zuckte auf Disponent Mikes Bildschirm: „DRINGEND – EILZUSTELLUNG ARTIKEL X Y Z – HEUTE NOCH!“ Dazu drei rote Ausrufezeichen und das obligatorische „Bitte sofort umsetzen!“ von unserem Vertriebler Herrn Schick. Mike schnaufte. Dringend? Für die Kisten, die seit vergangenem Donnerstag im Warenausgang bei ‚Fertig zum Verladen‘ verstaubten? Deren Avisierung letzte Woche viermal ignoriert wurde?

Ein Blick auf den Tourenplan verriet, was Mike schon ahnte: Fahrer Kowalski ist schon mit drei Tonnen Betonteilen für Wuppertal beladen und steuert gerade die A2 an. Eine Rückladung aus Solingen wurde ihm für heute Abend fest zugesagt – „absolut sicher, liegt direkt an der Strecke!“, hatte Vertriebs-Schick noch gestern geträllert. Mike ruft Kowalski an. „Du, Kowi, kleine Sache…“

Zitat des Tages

„Klar, das kriegen wir noch rein. Ist ja nur eine Palette. Und die Lenkzeit? Ach, das ist ja eh nur erweiterter Nahverkehr.“

Der Plan steht — bis jemand nachrechnet

Kowalski am Telefon: „Mike, mein Lieber, heute geht gar nichts mehr. Meine Achse knirscht schon unter den Betonteilen, und in Wuppertal muss ich um 18 Uhr abladen. Danach die Rückladung in Solingen – die brauchen mich spätestens um 19 Uhr, sonst bin ich für die Nacht gesperrt.“ Mike schluckt. Die „direkt an der Strecke“ liegende Rückladung entpuppte sich gestern Abend bereits als 40 Kilometer Umweg durch eine gesperrte Innenstadt, weil der Kunde „den genauen Standort nicht früher nennen konnte“.

Herr Schick vom Vertrieb meldet sich. „Mike, der Kunde droht mit Storno! Das muss heute raus, koste es, was es wolle!“ Mike blickt auf die Uhr. 17:05 Uhr. „Herr Schick, die Ware liegt seit Donnerstag hier! Warum rufen Sie JETZT an?“ Schick: „Ja, der Kunde hatte interne Kommunikationsprobleme. Aber er braucht es DRINGEND! Wir haben ja eine enge Kundenbeziehung!“ Chef Hansen kommt vorbei: „Was ist los, Mike? Sieht doch im System noch gut aus. Kowalski hat doch sicher noch Luft, da sind ja noch weiße Flecken im Kalender.“ Ja, die Pausen, denkt Mike trocken.

Dann meldet sich die Realität

Mike entscheidet sich für die Kernschmelze. Er ruft Fahrer Müller, der eigentlich Feierabend hat und gerade auf dem Heimweg ist. „Du, Micha, könntest du noch eine kleine Sonderschicht einlegen? Eine Palette nach Düsseldorf, Eilzustellung. Ist ein Witz, aber naja.“ Müller, bekannt für seinen Galgenhumor, stimmt zähneknirschend zu. „Klar, Mike, für Sie doch immer. Ist die Rampe in Düsseldorf dann auch bis 22 Uhr besetzt? Oder stehe ich wieder vor einem Gittertor, weil der Avisierungs-Mensch im Büro vergaß, seine Handynummer zu hinterlegen?“ Mike zuckt mit den Schultern. „Wird schon!“

Müller fährt los, holt die Staubfänger-Ware aus dem Warenausgang, die dort schon fast historische Bedeutung erlangt hatte. Er erreicht Düsseldorf um 21:45 Uhr. Die Rampe ist dicht. Telefon geht nur die Mailbox an. Am nächsten Morgen um 7 Uhr wird die Palette entladen. Der Kunde ist „not amused“, aber er hat die Ware ja bekommen. Und Mike? Mike hatte um 22:30 Uhr noch eine Mail von Herrn Schick mit dem Betreff: „SUPER GELÖST! Top Kundenservice!“

Branchenfazit

Manchmal ist die größte Not der, dass der Eilauftrag so lange auf den Weg geschickt wird, bis er wirklich dringend ist – und dann die Spedition die Zeche zahlt.

Fazit, unromantisch ehrlich: Die Eil-Mail mit rotem Ausrufezeichen ist selten ein Zeichen echten Notstands, sondern meist das Echo einer lausigen Planung, die nun von der Dispo mit Nerven, Lenkzeit und unnötigen Kosten bezahlt wird. Der Kunde nennt es Flexibilität. Der Vertrieb nennt es Kundenservice. Mike nennt es einen Brandanschlag mit E-Mail-Anhang.

Hinweis: Dieser Beitrag ist Satire.