Spedi-Chef: Früher einfach. Portale-Irrsinn jetzt!

DISPO & WAHNSINN

Ein Paket von gestern, drei Avisierungsportale und ein Rampencode, der niemandem gehört – willkommen im Dispo-Alltag, wo der Chef noch von „einfach“ träumt, während die Realität explodiert.

Deutschland • transportzentrum.de Redaktion

Es war ein Donnerstag, 16:37 Uhr, als die E-Mail des Vertriebs auf Kevins Bildschirm knallte: „DRINGEND: Maschinenersatzteil, TechnoVision GmbH, Bottrop, Zustellung FR, 8 Uhr fix! Kunde droht mit Storno!“ Kevin, Disponent bei BlitzBlank Logistik, schob seine Brille hoch. Freitag 8 Uhr. Für Bottrop. Aus der Eifel. Um diese Zeit.

Der Chef schlenderte vorbei, sah auf den Bildschirm, nickte weise. „Bottrop, früher war das ein Anruf, Zettel auf den Fahrersitz, fertig. Heute mit dem ganzen Portal-Gedöns… Früher ging das alles einfacher!“ Kevin murmelte etwas von drei Avisierungsportalen und zwei Rampencodes, die früher niemand brauchte, aber der Chef war schon wieder verschwunden. Kevins Plan: Franz, der gerade aus Zwickau zurückkam, sollte eine „Rückladung um die Ecke“ aus Gelsenkirchen mitnehmen und dann „kurz“ nach Bottrop abbiegen. Sales hatte das als „optimalen Kundenservice mit kleinem Umweg“ verkauft.

Zitat des Tages

„Eine schnelle Lieferung ist, wenn der Kunde sie bestellt, bevor er weiß, dass er sie braucht – und die Dispo dann einen halben Herzinfarkt bekommt.“

Der Plan steht — bis jemand nachrechnet

Kevin rief Franz an. „Na, Franz, du bist ja quasi schon hier! Kleiner Umweg, Bottrop, morgen früh 8. Kannste noch eine Palette aus Gelsenkirchen mitnehmen? Ist direkt auf dem Weg.“ Franz’ trockener Kommentar: „Klar, Chef, nur 80 Kilometer Umweg und die Lenkzeit sprengt sich dann selbst, oder?“ Kevin ignorierte das, seine Augen klebten am Tourenplan, wo Franz’ „Pause“ als großer, weißer Block strahlte. „Da ist doch noch Luft, Franz!“

Zeitgleich versuchte Kevin, einen Termin bei TechnoVision zu buchen. Portal Nummer eins: „Zeitfenster nur in 3-Stunden-Blöcken.“ Portal Nummer zwei: „Avisierung ungültig, da keine Beladungs-ID hinterlegt.“ Portal Nummer drei: „Rampencode wird erst nach erfolgreicher Portal-2-Buchung per SMS versendet.“ Und die „Rückladung um die Ecke“? Ein Anruf beim Gelsenkirchener Lager: „Die Palette ist bereit, aber unser Lieferscheinprogramm ist abgestürzt. Kommt der Fahrer einfach und wartet?“

Dann meldet sich die Realität

Franz erreichte Gelsenkirchen, 17:30 Uhr. Die Palette stand da, der Lieferschein: Fehlanzeige. „Wir dachten, Sie kommen morgen!“, sagte der Lagerist überrascht. Anderthalb Stunden Wartezeit, Lenkzeit futsch. Kevin wühlte sich durch die Portale. Portal 2 lehnte ab, weil Portal 1 eine „vorgemerkte“ Buchung hatte, die aber nie bestätigt wurde. Portal 3 verlangte den „Log-in“ der Lieferung bis 20 Uhr, obwohl sie noch nicht mal beim Kunden war. Franz rief an: „Kevin, 45 Minuten Restlenkzeit. Bottrop um 8? Eher 10, wenn überhaupt.“

Der Chef schwebte wieder rein: „Na, Kevin, alles im Griff? Früher haben wir das alles einfach auf den Lieferschein gekritzelt, fertig! Keine zehn Portale für eine Palette!“ Kevin versuchte, bei TechnoVision einen manuellen Slot zu bekommen. „Unmöglich! Ohne gültigen Rampencode und Avisierung kommt hier niemand rein. Aus Sicherheitsgründen. Und die Ware ist dringend, wir brauchen sie Punkt 8 Uhr!“ Der Vertrieb drohte: „Kevin, was ist los? Kunde droht mit Storno! Das ist Kundenservice, keine Brandstiftung mit Telefon!“ Die Palette landete auf einem nächtlichen Rastplatz. Am nächsten Morgen, nach verzweifelter Avisierungs-Akrobatik, landete Franz um 9:45 Uhr vor einer falschen Rampe (Code 7B statt 3). Die Palette kam am Montag an. Der Chef rechnete eine „Sonderfahrt“ ab, die 100 Euro mehr Miete brachte, aber 300 Euro mehr Kosten für Wartezeit, Standgeld und Überstunden.

Branchenfazit

Die größte Optimierung einer Tour ist oft, sie einfach nicht anzunehmen.

Fazit, unromantisch ehrlich: Der Chef hat Recht, es war früher einfacher. Aber damals gab es auch keine Kunden, die Dringlichkeit mit digitalen Labyrinthen verwechselten, keinen Vertrieb, der jede Tour zum „Service“ verklärt und keine Disponenten, die versuchten, das alles mit einem Blick auf leere Pausenblöcke im Kalender zu retten. Der Wahnsinn entsteht, wenn Nostalgie auf Portale trifft.

Hinweis: Dieser Beitrag ist Satire.