Arbeitskreis Dauerstau verspätet: Lkw-Lobby sucht noch Parkplatz


BÜROKRATIE & VERBÄNDE

Die „Logistikallianz der Mittelspur“ wollte den ultimativen Befreiungsschlag gegen den drohenden Verkehrskollaps präsentieren. Doch bevor die Experten den Lkw-Verkehr als „wichtigen Faktor“ entschlüsseln konnten, scheiterten sie erst einmal an der Realität der Parkraumplanung.

Deutschland • transportzentrum.de Redaktion

Es hätte der große Wurf für den asphaltierten Wirtschaftsstandort werden sollen. Die renommierte „Logistikallianz der Mittelspur“ (LAM) hatte zum hochkarätig besetzten Fachgipfel geladen, um unter dem wegweisenden Motto „Freie Fahrt für den Güterverkehr“ den endgültigen Ausweg aus dem drohenden Dauerstau auf deutschen Autobahnen zu präsentieren. Strategen, Verbandsvertreter und Mobilitätsökonomen reisten an, um den Verkehrsfluss der Zukunft neu zu ordnen. Doch die Praxis holte die Theorie bereits vor dem ersten Grußwort ein: Der Beginn der Veranstaltung musste um exakt zwanzig Minuten verschoben werden. Der Grund war so banal wie bezeichnend – es gab schlicht keine freien Parkplätze rund um das Tagungszentrum.

Während sich die geladenen Mobilitätsexperten in ihren Limousinen Stoßstange an Stoßstange durch die umliegenden Seitenstraßen quälten, zeigte das digitale Parkleitsystem des Veranstaltungsortes beharrlich freie Kapazitäten an. Ein Umstand, den die anreisenden Referenten direkt für erste spontane Feldstudien nutzten. Nach vorläufiger Einschätzung des Arbeitskreises lag hier eine klassische Störung der Informationskette vor. Erst nachdem der Ehrenvorsitzende des Verbandes seinen Wagen nach längerem Rangieren im absoluten Halteverbot abgestellt hatte, konnte das Plenum mit der notwendigen Verzögerung zusammentreten.

Zitat des Tages

„Wenn wir für vier Dienstwagen schon zwanzig Minuten Suchzeit einplanen müssen, möchte ich nicht wissen, wo der Kollege im 40-Tonner heute Nacht seine gesetzliche Ruhezeit verbringen soll.“

Was beschlossen wurde

Als die Sitzung schließlich mit der gebotenen Ernsthaftigkeit eröffnet wurde, kamen die Experten schnell zur Sache. In einer ersten Resolution wurde der Lkw-Verkehr offiziell als „wichtiger Faktor“ für das Funktionieren der Gesamtwirtschaft identifiziert. Um den drohenden Dauerstau abzuwenden, forderte die Logistikallianz eine sofortige Priorisierung von Frachttransporten auf Hauptverkehrsadern. Zur Verbesserung der betrieblichen Ablauftransparenz soll hierzu im Rahmen einer mehrstufigen Praxisabfrage ermittelt werden, welche Streckenabschnitte besonders stauanfällig sind – eine Erkenntnis, die jedem Fernfahrer zwar nach der ersten Kaffeetasse des Tages vorliegt, nun aber wissenschaftlich untermauert werden soll.

Zur Vermeidung vermeidbarer Mehrfachmeldungen beschloss das Gremium zudem die Ausarbeitung einer unverbindlichen Orientierungshilfe. Diese soll den Speditionen als 80-seitiger Leitfaden an die Hand gegeben werden, um Verzögerungen an den Rampen künftig in einem standardisierten Verfahren zu dokumentieren. Dass für das Ausfüllen des neuen Meldebogens im Dispo-Büro voraussichtlich eine halbe Stelle zusätzlich benötigt wird, gilt im Verband als vertretbarer Preis für eine fundierte Datenbasis.

Der Praxistest im Betrieb

In den Speditionen im Land sorgt der jüngste Vorstoß der Allianz unterdessen für müdes Lächeln. Während die Experten in klimatisierten Konferenzräumen über die Harmonisierung bestehender Rampenprozesse debattierten, stand Fahrer Jaroslaw mit seinem Sattelzug auf dem Hof eines Zentrallagers im Industriegebiet. Sein Zeitfenster war um 10:00 Uhr. Um 13:30 Uhr wartete er immer noch auf die Entladung, weil das digitale Avisierungssystem abgestürzt war und der zuständige Schichtleiter darauf bestand, dass die Frachtpapiere erst händisch abgezeichnet und anschließend zur Sicherheit noch einmal eingescannt werden müssen.

Die Realität auf den Höfen zeigt, dass gut gemeinte Verbandsinitiativen meist in einer Flut neuer Nachweisdokumente enden. Während der Verband lautstark Entlastung fordert, drucken die Speditionen zur Absicherung gegen Standgeld-Streitigkeiten weiterhin jeden Palettenschein in dreifacher Ausfertigung aus. Die „freie Fahrt“, die auf dem Gipfel so eloquent besprochen wurde, endet in der Praxis meist an der ersten Schranke, an der kein Ansprechpartner zu finden ist, obwohl laut Organigramm gleich drei Abteilungen zuständig sind.

Branchenfazit

Der Wille zur Vereinfachung ist ungebrochen – er scheitert lediglich an der Notwendigkeit, dafür zunächst drei neue Kontrollinstanzen einzurichten.

Fazit, unromantisch ehrlich: Die Warnung vor dem Dauerstau ist absolut berechtigt, doch die Rettung wird nicht aus den Sitzungssälen kommen. Solange die Experten der Logistikallianz länger für die eigene Parkplatzsuche brauchen als ein Disponent für die Umplanung einer gesamten Tagestour, bleibt der Papierkrieg der größte Bremsklotz der Branche. Die freie Fahrt für den Güterverkehr steht weiterhin im Stau – direkt hinter dem Entwurf für den neuen Stau-Meldebogen.

Hinweis: Dieser Beitrag ist Satire.