Bürokratie-Irrsinn: Verband gegen Nachweise fordert Nachweis von Spediteuren!


BÜROKRATIE & VERBÄNDE

Eine neue Kampagne gegen die Zettelwirtschaft im Transportwesen sorgt für irritierte Gesichter in den Dispositionen. Wer mitmachen und weniger Formulare ausfüllen will, muss erst einmal ein mehrseitiges Berechtigungsdokument einreichen. Spediteure verwechseln die Aktion zunächst mit einem verfrühten Aprilscherz.

Deutschland • transportzentrum.de Redaktion

Die neu gegründete „Interessengemeinschaft gegen ausufernde Nachweispflichten“ (IGAN) hat eine bundesweite Initiative zur Entlastung des mittelständischen Güterkraftverkehrs gestartet. Unter dem Slogan „Schluss mit dem Zettelterror“ fordert das Gremium eine weitgehende Nachweisfreiheit bei Standardtransporten. Die Aktion dient laut offizieller Pressemitteilung vor allem zur Verbesserung der betrieblichen Ablauftransparenz und soll den administrativen Aufwand an den Verladerampen spürbar reduzieren.

Eigentlich ein Segen für geplagte Transportunternehmer, die täglich zwischen Palettenscheinen, Ablieferungsbelegen und Mautnachweisen zu ersticken drohen. Doch die Tücke liegt wie so oft im formalen Kleingedruckten der Verbandsoffensive. Um an der Kampagne überhaupt teilnehmen zu dürfen und als offizieller Unterstützer gelistet zu werden, müssen die Betriebe vorab ihre persönliche Betroffenheit durch bürokratische Hemmnisse lückenlos dokumentieren.

Zitat des Tages

„Ich dachte erst, das ist der Restalkohol vom Wochenende. Aber nein, ich muss jetzt tatsächlich ein Formular ausfüllen, um zu beweisen, dass ich keine Formulare mehr ausfüllen will.“

Was beschlossen wurde

Nach vorläufiger Einschätzung des Arbeitskreises zur Entlastung des Transportsektors ist eine strukturierte Erfassung der Belastungssituation zwingend erforderlich. Das Ausfüllen des neu geschaffenen Meldebogens „AN-1“ sei demnach zur Vermeidung vermeidbarer Mehrfachmeldungen unerlässlich. Dem Antrag auf Befreiungs-Unterstützung sind drei repräsentative Praxisbeispiele aus den letzten 30 Tagen beizufügen, jeweils gegengezeichnet vom Fahrzeughalter und dem zuständigen Verlader.

Durch dieses Verfahren soll sichergestellt werden, dass nur tatsächlich betroffene Marktteilnehmer an der Entlastungsinitiative mitwirken. Dass der Verband damit exakt diejenige Bürokratie repliziert, die er eigentlich bekämpfen möchte, sorgt in den Chefetagen der Transportunternehmen für fassungsloses Kopfschütteln. Statt der erhofften Erleichterung steht in den Büros nun erst einmal eine Sonderrunde Kopieren und Abheften auf dem Programm.

Der Praxistest im Betrieb

In der Praxis führt die gut gemeinte Kampagne bereits zu skurrilen Szenen. Bei der Spedition Bruns im niedersächsischen Bad Fallingbostel liegt das Dokument AN-1 seit Montagmorgen auf dem Dispotisch. Disponent Karsten Krause starrte um kurz nach sechs Uhr fassungslos auf seinen Bildschirm. Erst nach der zweiten großen Tasse Kaffee dämmerte ihm und seinen Kollegen die bittere Ironie des Vorgangs. Während draußen die Fahrer ungeduldig auf ihre Frachtpapiere warten, tippt Krause nun im System die geforderten Nachweise ein, um die künftige Nachweisfreiheit zu beantragen – und druckt das Ganze zur Sicherheit dreifach aus.

Die Verbandsleitung verteidigt das Vorgehen derweil als notwendigen Schritt zur Harmonisierung bestehender Rampenprozesse und unter Berücksichtigung branchenüblicher Sonderfälle. Ohne eine valide und hieb- und stichfeste Datenbasis könne man schließlich nicht glaubwürdig gegenüber den politischen Entscheidungsträgern auftreten. So bleibt in der Speditionsrealität vorerst alles beim Alten: Um in Zukunft Papier einzusparen, wird im ersten Schritt eine neue Akte angelegt.

Branchenfazit

Nichts beschreibt den deutschen Transportalltag treffender als ein Verband, der ein Formular entwickelt, mit dem man sich schriftlich von der Formularpflicht befreien lassen kann.

Fazit, unromantisch ehrlich: Am Ende zeigt sich wieder einmal, dass gut gemeinte Bürokratieentlastung in der Logistik fast immer zu unmittelbarer Mehrarbeit führt. Während die Verbandsvertreter noch über der Auswertung der Betroffenheitsnachweise brüten, regeln die Disponenten an der Rampe das Chaos längst wie gewohnt per Zuruf, Improvisation und einer extra Kanne Kaffee – ganz ohne Formular.

Hinweis: Dieser Beitrag ist Satire.