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Ein Expressauftrag, kalkuliert knapp unter der Schmerzgrenze, entpuppt sich als Roadtrip ins finanzielle Nirwana. Eine Geschichte über Dispo-Optimismus, Fahrer-Realismus und die bittere Wahrheit der Dieselpreise.
Es begann wie immer: Herr Schick vom Vertrieb schwebte ins Dispo-Büro, ein Triumphlächeln auf den Lippen, das Alarmstufe Rot bei Mike auslöste. „Neuer Kunde, Mike! Mega-Möbel GMBH! Ein Riesenpotenzial! Berlin nach Garmisch, Expresszustellung Freitagabend – und die Rückladung ist natürlich gesichert!“ Mike starrte auf den Monitor. 700 Kilometer. Bis Freitagabend. Für einen Preis, der selbst dem Azubi komisch vorkam. „Strategischer Kundenaufbau!“, posaunte Schick noch, bevor er im Dunstkreis seines Siegergeruchs verschwand.
Mike knirschte mit den Zähnen. Horst, sein bester Mann, war gerade in Magdeburg. „Horst, mein Freund, du schaffst das doch, oder? Von Magdeburg über Berlin nach Garmisch! Das ist doch nur ein erweiterter Nahbereich, keine Fernfahrt!“ Mike ignorierte Horsts grimmiges Schweigen am Telefon. Abholung in Berlin war 14:00 Uhr angesetzt. „Wenn mein LKW Flügel kriegt und die A9 nur noch Baustellen hat, dann vielleicht“, krächzte Horst ins Telefon, während Mike schon den Tourenplan neu zusammenbastelte. Pausen wurden zu „kurzen Stopps“, Lenkzeiten zu „Vorschlägen“ und die Strecke zu einem „kleinen Umweg“.
Zitat des Tages
„Kundenaufbau ist wie Lotto spielen – nur dass man am Ende nicht nur nichts gewinnt, sondern auch noch sein ganzes Geld verliert.“
Horst erreichte Berlin um 14:30 Uhr. Rampe natürlich belegt. „In 30 Minuten“, bellte der Rampenleiter. Aus 30 wurden 90. Der LKW war um 16:00 Uhr endlich voll. Horst trat aufs Gas. Kurz vor Nürnberg der Anruf: „Horst, Mike hier. Der Kunde in Garmisch braucht die Ware spätestens 19:00 Uhr, sonst schließen sie! War dringend!“ Mike hatte selbstverständlich im Vorfeld versprochen, dass „Horst gleich da ist“. Horst, der gerade an einem Rastplatz kurz Pause machen wollte, fluchte leise. „Mike, ich bin bei Nürnberg! Gleich ist anders! Soll ich meinen LKW beamen?“
Mike versuchte, den Kunden zu beruhigen. „Der Fahrer hat leider Stau, aber er gibt alles!“ Der Kunde blieb stur. „Wenn die Ware nicht pünktlich da ist, stornieren wir!“ Mike sah schon das Worst-Case-Szenario. Das Weekend-Verbot näherte sich. Er rief seinen Chef, Herrn Kranich, an. Kranich, Meister der Schönrechnerei, blieb optimistisch: „Strategisch, Mike! Strategisch! Aber Sonntag Zustellung? Das geht nicht. Wir machen das Montagmorgen, 7 Uhr. Kostet halt extra, aber der Kunde zahlt das. Ist ja dringend.“ Mike schluckte. Er wusste, dass das extra nie gezahlt werden würde.
Horst erreichte Garmisch um 21:30 Uhr. Rampe natürlich zu, keiner mehr da. Das Tor verschlossen. Der Kunde reagierte nicht auf Anrufe. „Wochenendzustellung“, dachte Horst zynisch, „scheitert am geschlossenen Tor.“ Also LKW abgestellt, Wochenende versemmelt. Montagmorgen um 7 Uhr: Horst rief an, stand vor dem verschlossenen Tor. Der Kunde war nicht erreichbar. Mike verzweifelt. Um 9:00 Uhr dann die Stornierung. „Wir haben die Ware woanders besorgt.“
Jetzt zur Rückladung, die Herr Schick als „sicher, direkt um die Ecke von Garmisch“ verkauft hatte. Mike überprüfte die Adresse: Cottbus. „Mike! Cottbus! Direkt um die Ecke? Das sind 600 Kilometer!“, brüllte Horst ins Telefon, dessen Lenkzeitkonto bereits im tiefroten Bereich war. In Cottbus angekommen, war die Rückladung natürlich nicht bereit. „Morgen 10 Uhr“, hieß es. Horst musste parken, seine Lenkzeit war abgelaufen. Der LKW stand. Mal wieder.
Branchenfazit
Wer strategisch kalkuliert, der bekommt am Ende eine taktische Pleite – mit Ansage.
Fazit, unromantisch ehrlich: Herr Kranich starrte später auf die Excel-Tabelle. Leerkilometer, Wartezeiten, Hotel für Horst, Überstunden, Stornogebühr, Sonntagszuschlag (der nie kam), nochmal Wartezeiten. Dazu die Tankrechnung, die so aussah, als hätte Horst den LKW mit flüssigem Gold betankt. Der ursprüngliche Auftrag von Herrn Schick war schon unter Selbstkosten. Jetzt war es ein Minusgeschäft, das selbst der Buchhalter nur noch mit einem doppelten Espresso und Schnaps verdauen konnte. „Aber wir haben einen neuen strategischen Kunden gewonnen!“, murmelte Herr Schick, sichtlich bemüht, sein Lächeln zu halten. Kranich nickte blass und starrte auf die rote Zahl. „Strategisch“, flüsterte er, „sehr strategisch.“ Die Erkenntnis, dass Flexibilität immer seinen Preis hat, den niemand zahlen will, traf die Spedition wieder einmal völlig unerwartet.
Hinweis: Dieser Beitrag ist Satire.