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Ein angeblich vitaler Auftrag für eine Samstagslieferung endet in einer Odyssee. Fahrer Jürgen findet ein geschlossenes Werkstor vor – und einen Pförtner, der von nichts weiß, aber exzellent Kaffee kocht.
Es war Freitagnachmittag, kurz vor Feierabend, als der Notruf die Hektik-Logistik GmbH erreichte. „Dringendste Maschinenbauteile für Alpha-Industries in Hintertupfingen! Bis Samstag 10 Uhr morgens auf der Rampe, sonst steht die ganze Produktion!“ Vertriebler Herr Kante hatte das Versprechen schon abgegeben: „Kein Problem, da ist samstags immer jemand vor Ort! Unser A-Kunde!“ Dispo-Chef Bursche stöhnte. Der Tourenplan lag eigentlich schon in den letzten Zügen, doch ein 30-Tonner, der Umsatz versprach, war ein 30-Tonner. Ein freier Fahrer, Jürgen, der eigentlich eine vage „Rückladung nächste Woche“ hätte holen sollen, wurde umdisponiert. Das war der Plan. Fast.
Bursche rieb sich die Schläfen. Hintertupfingen. Knapp 450 Kilometer. Mit Stau locker fünf Stunden. „Jürgen, Du machst das“, sprach Bursche ins Telefon, „kleiner Umweg, bisschen Überstunden, aber der Kunde zahlt ja gut. Und danach hast du Sonntag komplett frei.“ Jürgen, bekannt für seine stoische Ruhe, murmelte nur: „Klar, Chef. Ist ja nicht so, als hätte ich heute schon die dreifache Lenkzeit hinter mir.“ Die Avisierung? „Ach, der Herr Kante regelt das direkt mit dem Produktionsleiter, Top-Kommunikation! Du klingelst einfach durch.“
Zitat des Tages
„Bei uns in der Dispo ist ‚dringend‘ das neue ’später‘ und ‚Sonderfahrt‘ die Umschreibung für ‚da hat der Vertrieb wieder zu viel versprochen‘.“
Jürgen saß um 18:30 Uhr in seinem LKW. Die A5 war dicht. Der „kleine Umweg“ zog sich. Sein Navi zeigte eine Ankunftszeit von 8:45 Uhr an – theoretisch machbar, wenn man alle Pausen streicht und die Physik neu verhandelt. Die Bauteile waren für eine „notwendige Wochenendmontage“ gedacht, die ohne sie nicht starten könne. So hatte es Herr Kante wortreich verkündet. Die Dispo hatte es brav in den Tourenplan eingetragen, als „Priorität A+++“. Die Realität auf der Autobahn tickte jedoch anders.
Um kurz nach 7 Uhr morgens erreichte Jürgen das Werksgelände von Alpha-Industries. Ein riesiger Komplex, aber totenstill. Das Haupttor, imposant und massiv, war verschlossen. Keine Seele weit und breit. Am Pförtnerhäuschen, einem kleinen Betonbunker, saß ein Mann im Blaumann und trank Kaffee. Jürgen kurbelte das Fenster runter. „Guten Morgen, ich hab hier dringend benötigte Bauteile für die Produktion. Für Herrn Meier.“ Der Pförtner blickte auf, blinzelte. „Meier? Produktion? Samstag? Nö. Hier ist am Wochenende dicht. Ich bin nur da, weil der Heizungsdienst kommen soll. Und Kaffee kochen. Von Bauteilen weiß ich nix.“
Jürgen wählte die Notfallnummer der Dispo, die Bursche eigens für „solche Samstagskatastrophen“ eingerichtet hatte. Bursche, offensichtlich noch im Halbschlaf: „Tor zu? Aber Herr Kante hat doch…! Das kann nicht sein! Ruf den Produktionsleiter an!“ Jürgen versuchte es. Mailbox. „Bin in den Bergen, kein Empfang.“ Der Pförtner zuckte nur die Achseln. „Passiert öfter. Kann Ihnen einen Kaffee anbieten? Der ist besser als die Ausrede, die Sie gleich kriegen.“ Jürgen überlegte kurz, die Paletten einfach auf den Hof zu stellen, aber der Gefahrgut-Aufkleber erinnerte ihn an seine Pflichten. Mittlerweile schwand auch seine Lenkzeit. Er hatte ja nur diesen „kleinen Umweg“ gemacht.
Bursche erreichte Herrn Kante am Sonntagmittag. „Ach, die Teile! Ja, äh, der Herr Meier ist da wohl noch nicht ganz im Bilde gewesen. Aber der Umsatz zählt, oder?“ Das Ende vom Lied: Jürgen musste die Ladung noch 120 Kilometer weiter zu einem bewachten Speditionslager fahren, seine Lenkzeit war damit am Anschlag, der Sonntag war futsch. Die Kosten für die Zwischenlagerung und die Nachlieferung am Montag fraßen den „gut bezahlten“ Auftrag locker auf. Und die Produktion bei Alpha-Industries? Die startete dann – natürlich – am Dienstag. Wenn überhaupt.
Branchenfazit
Eine Wochenendzustellung ist wie ein Einhorn: Man spricht viel darüber, aber gesehen hat sie noch niemand wirklich funktionieren, ohne dass jemand dabei draufgeht.
Fazit, unromantisch ehrlich: Der Vertrieb verkauft Versprechen, die Dispo muss sie irgendwie ins Lenkzeitfenster quetschen, und der Fahrer steht am Ende vor einem verschlossenen Tor. Der Kunde, der „dringendst“ Bauteile brauchte, ist am Wochenende nicht erreichbar. Die Kosten? Die werden am Ende irgendwo verbucht, bis der nächste „dringende“ Auftrag reinkommt. Und so dreht sich das Hamsterrad unermüdlich weiter – zumindest von Montag bis Freitag. Samstags bleibt das Tor meistens zu.
Hinweis: Dieser Beitrag ist Satire.