Rastplatzlegende Ronny verpasst Ausfahrt – landschaftliche Weiterbildung

TRANSPORTZENTRUM.DE

Ronny ist fünf Minuten von Zuhause entfernt, der Diesel schnurrt, das Radio pfeift leise. Aus Gewohnheit nimmt er die Abfahrt, die er jeden zweiten Freitag benutzt – nur diesmal endet die Gewohnheit woanders.

Der Morgen begann normal. Lieferung abgewickelt, Papierkram halbwegs ordentlich, und unterwegs schon die mentale Playlist für das Feierabendbier zusammengestellt. Auf der Autobahn wird Ronny ruhig; er kennt diese Strecke seit Jahren. Dann die vertraute Beschilderung: die Abfahrt, bei der er immer abfährt. Sein Gehirn hat auf Autopilot geschaltet. Die Hand bewegt sich, das Lenkrad folgt. „Ach, noch fünf Minuten“, murmelt er und grinst über sein eigenes Timing.

Wenige hundert Meter später merkt er es. Statt eines Brummers von Gruben- und Gewerbegebiet wird die Landschaft enger, statt Lkw-Parkplätzen tauchen Kopfsteinpflaster und eine Kirche auf. Das Navi piept irritiert, die Beschilderung verweist auf einen Ort, den Ronny noch nicht mal vom Namen kennt. Er ist falsch abgebogen. Sehr falsch.

Keine Panik, denkt Ronny, aber die Uhr läuft. Einspurige Dorfgasse, Hecken bis an die Spiegel, und ein Traktor am Rand, der ihn bedrückt mustert, als wäre Ronny ein seltenes Tier. Hinter ihm hupen zwei Autos, vor ihm steht eine schmale Brücke. Rückwärts mit Anhänger? Theoretisch möglich, praktisch ein Akt der Selbstüberwindung. Er parkt, steigt aus, schaut sich um und fühlt sich für fünf Sekunden wie ein Tourist, der seine Routen-App nicht lesen kann.

Ein Mann mit Gummistiefeln und einem Hund kommt aus einem Hof. „Problem?“ fragt er trocken. Ronny erklärt kurz. Der Mann nickt, guckt über die Hecke, sagt: „Na, dann fahren Sie halt drei Kilometer den Fluss entlang. Ist ’ne hübsche Umleitung.“ Ronny überlegt, ob er den Stolz hinten im Führerhaus lassen soll. Er entscheidet sich fürs Fahren. Die Umleitung ist enger als geplant, aber dafür mit Blick auf Felder, die im Abendlicht glühen. Zeit geht drauf. Nerven auch. Die Portion Selbstachtung schrumpft mit jedem Kilometer.

Er ruft die Dispo an. „Na, alles klar?“ fragt die Stimme. Ronny schildert kurz die Lage. „Gut, dass du’s nicht auf die ewige Umfahrungsrunde schaffst“, sagt die Dispo lachend, „bring ihn rein, sobald du kannst.“ Die Kollegen später im Fahrerzimmer nehmen die Geschichte dankbar auf. Bei jedem Kaffee wächst das Drama: Aus der Gasse wird eine Sackgasse, aus dem Gummistiefelträger ein ehemaliger Rennfahrer, und aus fünf verlorenen Minuten werden zwanzig Lehrstunden in Landeskunde.

Am Ende läuft alles glatt. Ronny kommt später an als geplant, entlädt, kratzt sich am Hinterkopf und bestellt ein Bier. Im Fahrerzimmer, wo Geschichten eine eigene Sprache haben, nennt er seine Panne „landschaftlich wertvolle Weiterbildung“. Ein Kollege klopft ihm auf die Schulter und sagt trocken: „Hauptsache du hast was Schönes gesehen.“ Ronny nickt, die Selbstachtung ist zwar angekratzt, aber die Erzählung sitzt. Morgen programmiert er eine neue Route. Oder er macht es wieder genauso — aus Versehen.

Kommentar

Feierabend ist ein gefährlicher Zustand für Routinen. Ein falscher Griff am Lenkrad, etwas Zeit und zwei Tassen Kaffee verwandeln jede Panne in eine Legende. Ronny hat vielleicht Zeit verloren, aber gewonnen: eine gute Geschichte und die Gewissheit, dass man auch mit Umwegen pünktlich zur Theke zurückkehrt.

Hinweis: Dieser Beitrag ist Satire.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert