Dispo-Wahnsinn: LKW gleichzeitig an zwei Rampen – Physik egal!

DISPO & WAHNSINN

In der Spedition „Fix & Fertig“ zeigte sich heute wieder: Was der Vertrieb am Vormittag als „machbar“ verkauft, wird am Nachmittag zur metaphysischen Herausforderung. Unser Fahrer Willi sollte es richten – gleichzeitig an zwei Orten.

Deutschland • transportzentrum.de Redaktion

Es war Freitag, 15:30 Uhr. Im Dispo-Büro der Spedition „Fix & Fertig“ herrschte die übliche End-der-Woche-Hektik. Plötzlich brüllte Karl von der Fernverkehrs-Dispo: „Verflixt! Vertrieb Deluxe hat gerade noch einen Eilauftrag reingedrückt! Eine Palette Fliesen zu Baumarkt Gigant in Neustadt. MUSS bis 17:00 Uhr raus, sonst steht die Fliesenleger-Crew am Wochenende still!“ Kaum hatte er den Hörer aufgelegt, klingelte es bei Bodo, dem Nahverkehrs-Profi: „Super-Sonderfahrt! Industrie-Riese AG, auch Neustadt, dringend benötigte Ersatzteile. Bis 16:45 Uhr an Rampe 7, sonst platzt der Exportauftrag!“ Der Chef hatte natürlich für beide Aufträge „grünes Licht“ gegeben, weil „da noch Luft im Plan“ war und „wir den Kunden nicht vergraulen dürfen“.

Karl checkte das System. „Willi, unser Bester, ist gerade in der Nähe von Neustadt, macht gerade leer in der Chemie-Werke Nord.“ Er tippte kurz und verplante Willi für den Baumarkt. Zehn Minuten später tat Bodo genau dasselbe. „Willi steht doch quasi vor der Tür der Industrie-Riese! Perfekt!“ Willi war der Mann für solche ‚flexible‘ Einsätze. Dass er aber auf zwei separaten Monitoren, in zwei unterschiedlichen Tourenplänen, von zwei Disponenten für zwei separate, zeitkritische Entladungen im selben Zeitraum vorgesehen war, entging dem System – und zunächst auch den Disponenten selbst. Optimismus war schließlich die Währung der Stunde.

Zitat des Tages

Flexibilität ist, wenn der Fahrer nicht nach der Uhr, sondern nach dem Horizont fährt.

Der Plan steht — bis jemand nachrechnet

Der Plan stand – auf dem Papier. Dann klingelte Willis Telefon. „Moin Karl, bin leer, was kommt?“ – „Ah, Willi! Top! Direkt zum Baumarkt Gigant, Rampe 3, Fliesenpaletten raus. Vor 17 Uhr, zack, zack!“ Willi wollte gerade den Motor starten, als sein zweites Telefon schellte. Bodo. „Willi! Super Timing! Ab zur Industrie-Riese, Rampe 7, da warten die schon ungeduldig auf die Ersatzteile. 16:45 Uhr ist Dead-Line!“ Willi schluckte. „Jungs, Baumarkt Gigant und Industrie-Riese AG sind… nun ja… keine direkte Nachbarschaft. 15 Kilometer Stadtverkehr. Und es ist 16:00 Uhr. Soll ich den LKW halbieren oder wie? Meine Lenkzeit, die lacht sich tot!“

Im Dispo-Büro herrschte kurz Stille, gefolgt von einem hektischen: „Warte, was?“ Karl starrte auf Bodos Bildschirm, Bodo auf Karls. Die Gesichter wurden bleich. Der Chef, Herr Müller, schlenderte gerade vorbei. „Was ist die Aufregung? Ich dachte, die Neustadt-Sonderfahrten sind geritzt?“ Karl stammelte: „Ähm, der Willi… er ist… äh… doppelt gebucht.“ Bodo ergänzte trocken: „Für zwei Rampen gleichzeitig.“ Herr Müller runzelte die Stirn. „Das ist doch kein Problem! Wir leben im Jahr 2024! Sagen Sie dem Willi, er soll flexibel sein! Flexibilität ist heute wichtiger als Physik! Da ist doch noch Puffer!“

Dann meldet sich die Realität

Willi hörte sich die Erklärung an, wie er gefälligst ‚multi-lokal‘ zu denken habe. „Also soll ich die Fliesen an Rampe 3 des Baumarkts entladen, durch die halbe Stadt zur Industrie-Riese fahren, die Ersatzteile abladen und dann – oh Wunder – bin ich über der Lenkzeit und habe zwei Kunden, die mich verklagen wollen, weil ich bei einem zu spät war?“ Gleichzeitig klingelten die Telefone der Dispo im Sekundentakt: Vertrieb Deluxe, Baumarkt Gigant, Industrie-Riese. Alle wollten wissen, wo ‚ihr‘ LKW bliebe. „Avisiert 16:30 Uhr!“ – „Avisiert 16:45 Uhr!“ Die Rampen in Neustadt? Beide hatten natürlich ‚gleich frei‘ versprochen, was meist ‚innerhalb der nächsten drei Stunden‘ bedeutete.

Nach minutenlangem Hin und Her, hitzigen Diskussionen und der Erkenntnis, dass selbst Willi keinen Warp-Antrieb in seinem Actros hatte, musste einer der Aufträge verschoben werden. Die Fliesen für Baumarkt Gigant wurden zum ‚Notfall für morgen früh‘, verbunden mit einer satten Übernacht-Gebühr und dem Ärger des Fliesenleger-Trupps. Die Ersatzteile für Industrie-Riese erreichten ihr Ziel um 16:58 Uhr, mit hängenden Köpfen der Produktionsmitarbeiter, die schon mit dem Schlimmsten gerechnet hatten. Willi fuhr mit roter Lenkzeitkarte und dem Auftrag, am Samstag ‚ganz entspannt‘ die Fliesen zum Baumarkt zu fahren – ein ‚kleiner Gefallen für einen guten Kunden‘.

Branchenfazit

Man kann einen Tourenplan optimieren, bis er schlechter ist als vorher – und dann dem Fahrer die Schuld geben.

Fazit, unromantisch ehrlich: Am Ende des Tages bewies sich wieder einmal: Der Vertrieb verkauft Illusionen, die Dispo jongliert mit Unmöglichkeiten, und der Fahrer soll die Naturgesetze biegen. Flexibilität ist ein schönes Wort, solange sie nichts kostet. Aber selbst der beste Spediteur kann einen LKW nicht zweiteilen. Oder vielleicht doch, wenn der Chef mit den Kosten rechnet und die Pausen im Kalender weiß aussehen?

Hinweis: Dieser Beitrag ist Satire.