Teurer Telematik-Trend: Flut an Diagrammen, null Zeit!

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Spediteur Harry Schmidt wollte den Fuhrpark digital zähmen. Jetzt liefert eine neue Software hunderte bunte Grafiken über das Bremsverhalten seiner Fahrer – doch im Büro fehlt jede Sekunde, um sie überhaupt anzuschauen.

Deutschland • transportzentrum.de Redaktion

Es ist Dienstag, kurz nach zehn Uhr morgens, und auf dem Schreibtisch von Speditionsleiter Harry Schmidt vollzieht sich eine visuelle Revolution. Sein Bildschirm leuchtet in den schillerndsten Farben des Regenbogens. Ein tiefes Smaragdgrün steht für vorbildliches Dahingleiten auf der Autobahn, ein aggressives Signalrot warnt vor einer unphysiologischen Gaspedal-Rückstellung auf der Bundesstraße. Harry Schmidt hat aufgerüstet. Für eine saftige monatliche Gebühr pro Fahrzeug analysiert die neue Telematikplattform nun die Seele seiner Trucks.

Das System ist ein Meisterwerk der Datenerfassung. Jedes Zucken im rechten Fuß von Fahrer Jupp wird registriert, gewogen und in eine dreidimensionale Fieberkurve verwandelt. Nie zuvor wusste die Geschäftsleitung so genau, wie viel Diesel auf den letzten hundert Metern durch die Einspritzdüsen gejagt wurde. Theoretisch ist Schmidt jetzt der Herrscher über die absolute Effizienz. Praktisch steht Jupp gerade mit dreckigen Sicherheitsschuhen in der Tür.

Zitat des Tages

„Wenn ich noch sanfter bremse, stehe ich erst im nächsten Landkreis. Und da muss ich heute gar nicht hin.“

Die rote Kurve der Wahrheit

„Jupp“, sagt Schmidt und klopft mit dem Zeigefinger auf den Monitor, „dein Beschleunigungs-Index im dichten Stadtverkehr liegt bei mageren 42 Prozent. Die Kurve sackt hier regelrecht ab. Das System sagt, du hättest vorausschauender rollen müssen.“ Jupp nimmt seine Schirmmütze ab, kratzt sich am Kopf und blickt auf das bunte Diagramm, das aussieht wie der Fieberverlauf eines Schwerkranken.

„Harry“, entgegnet der Fahrer mit der stoischen Ruhe von dreißig Jahren Asphalt-Erfahrung, „das war die Baustelle auf der Autobahn. Da stand plötzlich einer quer. Wenn ich da vorausschauend gerollt wäre, stünde mein Kühlergrill jetzt in seinem Kofferraum. Aber die App hat recht, gerollt ist danach vieles. Vor allem der Verkehr im Stau.“ Jupp dreht sich um, schnappt sich seine Frachtbriefe und murmelt noch etwas von Software-Spezialisten auf dem Beifahrersitz, bevor er die Tür hinter sich zuzieht.

Bunte Bilder für den Papierkorb

Eigentlich wollte Harry Schmidt heute jede einzelne Kurve analysieren. Doch die Realität einer mittelständischen Spedition kennt kein Erbarmen mit Algorithmen. Das Telefon schrillt im Sekundentakt. Disponentin Sybille kämpft am Nachbarschreibtisch mit einer geplatzten Ladezeit. Der Kunde droht mit Konventionalstrafe, auf Rampe drei blockiert ein fremder Auflieger die Zufahrt, und der Werkstattmeister meldet, dass beim Dreieinhalbtonner die Bremse schleift.

„Harry, lass die bunten Bilder mal kurz beiseite“, ruft Sybille mit leicht erhobener Stimme, während sie ein Klemmbrett jongliert. „Der Kunde in Hamm will wissen, wo seine Ware bleibt. Und das Finanzamt will die Umsatzsteuervoranmeldung. Hast du die Kurven von gestern schon ausgewertet?“ Schmidt blickt auf die 45-seitige PDF-Analyse, die ihm das System pünktlich um sechs Uhr morgens geschickt hat. Er hat es bisher geschafft, das Deckblatt anzusehen. Die restlichen 44 Seiten mit Kreisdiagrammen zum Schaltverhalten ruhen ungelesen im Posteingang. Er klickt die E-Mail weg. Die Realität ruft lauter.

Branchenfazit

Wer vor lauter digitalen Kurven den echten Lkw nicht mehr sieht, zahlt am Ende doppelt: einmal für das Abo und einmal für den Stau.

Am Ende des Monats zieht Schmidt Bilanz. Die neue Telematikplattform hat exakt 1.200 bunte Diagramme generiert. Angeschaut hat er davon drei, meistens während des Wartens in einer telefonischen Warteschleife. Der Dieselverbrauch ist exakt gleich geblieben – weil Jupp eben fährt, wie die Straße es verlangt, und nicht wie die Software es träumt. Dafür ist das Speditionsergebnis um die monatlichen Lizenzgebühren geschrumpft. Aber immerhin: Die Ordner im Regal sehen jetzt ungemein modern aus.

Fazit, unromantisch ehrlich: Die Digitalisierung im Transportwesen ist eine feine Sache – solange man nicht mehr Zeit damit verbringt, bunte Bremskurven zu bewundern, als die eigentliche Fracht pünktlich auf die Straße zu bringen.

Hinweis: Dieser Beitrag ist Satire.