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Grünes Gewissen trifft auf harte Realität. Einen Monat lang feierte Speditionschef Dieter seinen neuen Elektro-Laster als Geniestreich. Bis der erste Kunde seine Rampe verlegte.
Spediteur Dieter war stolz wie Bolle. Auf dem Hof der Spedition „Dieterle & Söhne“ glänzte der nagelneue Elektro-18-Tonner mit dem dezenten Summen eines überdimensionalen Rasierapparates. Kein Ruß, kein Dieselgestank, nur das süße Gefühl von staatlichen Zuschüssen und sauberer Weste. Die Teststrecke war perfekt ausgemessen: genau 45 Kilometer hin zum Stammkunden „Metallbau Meier“, abladen, 45 Kilometer zurück. Mittags an die hofeigene Ladesäule, kurz zwischenladen, fertig. Ein Traum in Grün.
Vier Wochen lang lief das Pilotprojekt wie geschmiert. Jupp, der dienstälteste Fahrer, der anfangs noch lautstark nach seinem gewohnten Sechszylinder-Diesel gebrüllt hatte, gewöhnte sich an das lautlose Gleiten. „Ist wie Autoscooter für Große“, knurrte er anerkennend beim morgendlichen Kaffee in der Disposition. Chef Dieter plante im Kopf bereits die Anschaffung der nächsten Stromer-Flotte und sah sich im Geiste schon den regionalen Umweltpreis entgegennehmen. Doch im Speditionsgeschäft hält kein Plan den Kontakt mit der Realität länger als einen Monat aus.
Zitat des Tages
„Wenn die Kiste noch drei Prozent Akku hat, hilft dir beim Einparken an der Rampe auch kein Ökostrom-Gebet mehr.“
Das Unheil begann an einem regnerischen Dienstag im zweiten Testmonat. „Metallbau Meier“ hatte expandiert. Nicht viel, nur ein bisschen. Die neue Warenannahme für die schweren Blechrollen lag nun nicht mehr im alten Gewerbegebiet, sondern drei Autobahnausfahrten weiter im frisch erschlossenen Industriepark Nord. „Sind doch nur knapp fünfzehn Kilometer extra, Jupp, das schafft der Akku locker“, flötete Disponent Torsten gutgelaunt durchs Telefon.
Was Torsten in seiner Excel-Tabelle nicht bedacht hatte: Die fünfzehn Kilometer führten über eine chronisch verstopfte Bundesstraße inklusive saftiger Steigung. Und weil es draußen herbstlich kalt geworden war, lief im Fahrerhaus die Heizung auf Hochtouren. Schließlich wollte Jupp beim Warten an der Rampe nicht einfrieren. Als der Elektro-Lkw endlich rückwärts an die neue Rampe von Meier herangerollt war, zeigte die Batterieanzeige im Cockpit bereits verdächtige 38 Prozent.
Beim Abladen trödelte die Stapler-Mannschaft des Kunden wie gewohnt. Die Kälte kroch durch die Ritzen, Jupp ließ die Kabinenheizung munter weiterlaufen. Als er endlich die Rückfahrt antreten durfte, meldete der Bordcomputer nervöses rotes Flackern. „Reichweite: 28 Kilometer. Entfernung zum heimischen Hof: 35 Kilometer.“ Mathematisch ein Desaster, logistisch der ganz normale Wahnsinn.
Der verzweifelte Versuch, den Laster auf halber Strecke an einer öffentlichen Pkw-Schnellladesäule zwischenzuparken, scheiterte kläglich. Der einzige freie Ladeplatz war von einem Paketdienst-Transporter zugeparkt, dessen Fahrer lautstark erklärte, er sei „nur kurz für zwei Minuten“ beim Bäcker. Dieter musste schließlich den Werkstattwagen schicken. Nicht mit Ersatzteilen, sondern mit einem mobilen Diesel-Aggregat auf der Ladefläche, um dem umweltfreundlichen Vorzeige-Truck am Straßenrand mühsam ein paar Kilowattstunden einzuhauchen.
Branchenfazit
Die Theorie der E-Mobilität ist herrlich grün, aber die Praxis scheitert oft schon an einer verlegten Kundenrampe.
Fazit, unromantisch ehrlich: Der Elektro-Nahverkehr funktioniert auf der Kurzstrecke hervorragend – solange sich die Welt um den Lkw herum keine fünf Kilometer wegbewegt. Sobald der Kunde expandiert, eine Umleitung droht oder der Winter einbricht, wird aus der sauberen Transport-Zukunft ganz schnell ein klassisches Abenteuer mit der Abschleppstange.
Hinweis: Dieser Beitrag ist Satire.