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Spediteur Heinz-Günther will ganz vorne mitspielen beim Klimaschutz. Deshalb hat er für seinen besten Fahrer bereits die ultimative Wasserstoff-Tankkarte besorgt – blöd nur, dass die passende Zapfsäule noch gebaut werden muss.
Es ist Donnerstag, 09:14 Uhr in der Zentrale der Spedition Meyer & Söhne. Chef Heinz-Günther Meyer strahlt wie ein frisch lackierter Stoßfänger. In seiner Hand funkelt ein Stück blau-silbernes Plastik: die nagelneue, hochmoderne „H2-Global-Hyper-Card“. Sie ist der Schlüssel zur emissionsfreien Zukunft der Logistik, ausgestattet mit NFC-Chip, PIN-Code und einer App, die theoretisch sogar den CO2-Ausstoß von Jupps Frühstücksei berechnen kann. Fahrer Jupp schaut skeptisch an seiner Kaffeetasse vorbei. Er soll heute die erste Tour mit dem neuen Wasserstoff-Lkw fahren.
Heinz-Günther klopft Jupp auf die Schulter. „Jupp, wir sind jetzt Pioniere! Dekarbonisierung ist das Zauberwort. Du hast die Karte, du hast die Zugangsdaten im Handy. Die Zukunft liegt vor dir!“ Jupp blickt auf den Routenplaner. Seine Tour führt ihn von Herne ins Sauerland. Ein schönes Stück Strecke, enge Kurven, viel Steigung. Der Tank des Vorzeige-Lkw zeigt noch knappe zwanzig Prozent. Laut Bordcomputer reicht das für genau sechzig Kilometer. Die Strecke ist aber einhundertfünfzig Kilometer lang.
Zitat des Tages
„Das Ding hat mehr Zugangsdaten als mein Online-Banking, aber im Tank ist weniger Druck als auf meiner alten Luftmatratze.“
In der Disposition raufen sich derweil die Planer die Haare. Disponentin Evi starrt auf eine digitale Deutschlandkarte, die so leer aussieht wie die Wüste Gobi. Die einzige Wasserstoff-Tankstelle, die Jupps Lkw mit dem nötigen Druck bebefüllen könnte, liegt achtzig Kilometer abseits der Route – in der entgegengesetzten Richtung. Und laut einer App-Meldung ist der Kompressor dort seit gestern wegen Wartungsarbeiten außer Betrieb. Die zweitnächste Option befindet sich in einem Industriegebiet, das für Lkw über 7,5 Tonnen gesperrt ist.
„Fahr einfach vorsichtig, Jupp“, funkt Evi ins Fahrerhaus. „Lass dich rollen. Vielleicht gibt es unterwegs Gegenwind, der dich schiebt.“ Jupp parkt den 40-Tonner schließlich auf einem staubigen Autobahnparkplatz. Er hält die glänzende H2-Karte ins Sonnenlicht. Ein wunderschönes Stück Plastik. Er tippt die achtstellige PIN in sein Smartphone, um die Freigabe für eine Tankstelle zu simulieren, die es im Umkreis von zwei Fahrstunden schlicht nicht gibt.
Chef Heinz-Günther ruft auf dem Diensthandy an. Er will wissen, wie sich das „Zukunftsgefühl“ anfühlt. Er schwärmt von der Pressemitteilung, die er gerade für die Lokalpresse verfasst hat. Meyer & Söhne auf dem Weg zur Klimaneutralität, Vorreiter im Mittelstand, die grüne Flotte rollt. Jupp schaut aus dem Fenster auf ein vorbeiziehendes Rapsfeld und seufzt tief.
„Du, Heinz-Günther“, sagt Jupp ruhig, „das Zukunftsgefühl fühlt sich verdammt nach Abschleppdienst an. Die Karte ist super, die PIN habe ich mir auch gemerkt. Nur wenn ich die Zapfpistole nicht bald in den Tank kriege, dekarbonisiere ich uns hier gleich direkt auf dem Standstreifen. Ich kann ja schlecht den Chip an den Auspuff halten und hoffen, dass der Gerät per Bluetooth weiterfährt.“
Branchenfazit
Wer den Schaden hat, braucht für den Wasserstoff nicht zu sorgen – solange die Karte in der Brieftasche glänzt.
Fazit, unromantisch ehrlich: High-Tech-Lösungen sind eine feine Sache, solange sie nicht an der ersten Autobahnausfahrt scheitern. Wer die Mobilitätswende nur auf dem Papier und im Portemonnaie vollzieht, steht am Ende mit der modernsten Tankkarte der Welt im Stau – und wartet auf den guten alten Diesel-Abschlepper. Immerhin: Zum Eiskratzen im nächsten Winter taugt das blaue Plastikwunder allemal.
Hinweis: Dieser Beitrag ist Satire.