Verlader frühstückt, Kunde fordert 9 Uhr, Ware erst 10:30!

DISPO & WAHNSINN

Ein neuer Morgen, ein alter Hut: Der Kunde will die Ware, die noch gar nicht existiert, am besten schon gestern – aber spätestens vor der Frühstückspause des Verladers. Willkommen im Speditionsalltag.

Deutschland • transportzentrum.de Redaktion

Gerhards Blick schweift über den Tourenplan von „Flott & Fix Logistik“. Es ist 7:15 Uhr. Das Telefon klingelt. „Gerhard hier.“ Am anderen Ende: Herr Schmidt vom „Alpha-Vertrieb“. Tonlage: panisch. „Gerhard, wir haben da einen absoluten Notfall! Mega-Möbel in Buxtehude braucht dringend eine Sonderlieferung. Bis spätestens 9 Uhr! Sonst stornieren die den Riesenauftrag!“

Gerhard schluckt. Buxtehude um 9 Uhr. Das sind fast 150 Kilometer von der hiesigen Niederlassung. Und die Abholung? „Ach ja, die Ware steht bei Blech & Bohrer in Entenhausen. Ist alles vorbereitet, die warten schon auf unseren Fahrer“, versichert Herr Schmidt mit der Überzeugung eines Predigers, der gerade Wasser in Wein verwandelt hat. Gerhard weiß, dass „vorbereitet“ in der Vertriebs-Sprache oft „noch nicht mal produziert“ bedeutet.

Zitat des Tages

„Im Vertrieb ist ,dringend‘ das neue ,normal‘. Und ,möglich‘ eine Interpretationssache.“

Der Plan steht — bis jemand nachrechnet

Gerhard telefoniert, tippt, schwitzt. Sein bester Mann, Günther, ist eigentlich schon auf dem Weg zur ersten Entladung in Lüneburg. Gerhard rechnet die Lenkzeiten neu, schiebt die geplante Rückladung gedanklich auf morgen. „Günther, ich hab da noch was ganz Besonderes für dich! Kleinigkeit! Erst Entenhausen, dann Buxtehude!“ Günther am Telefon, gähnt. „Buxtehude um 9, Gerhard? Ich kann nicht fliegen. Und mein LKW tankt Diesel, keinen Supertreibstoff.“

Gerhard ignoriert Günthers trockenen Humor und ruft bei Blech & Bohrer an. „Die Ware für Mega-Möbel, ist die schon fertig für die Abholung?“ Eine genervte Stimme antwortet: „Nee, nee, die wird erst ab 10:30 Uhr verpackt. Und der Verlader hat grad Frühstückspause. Kommen Sie so gegen Mittag, dann passt’s.“ Gerhards Blutdruck steigt. 10:30 Uhr Verpackungsstart, Frühstückspause des Verladers, und der Vertrieb hat um 9 Uhr Zustellung versprochen. Das Puzzle hatte von Anfang an zu viele Teile.

Dann meldet sich die Realität

Günther, mittlerweile genervt, erreicht Blech & Bohrer um 8:45 Uhr. Er wartet. Und wartet. Der Verlader kommt nach seiner ausgiebigen Frühstückspause gemütlich um 9:45 Uhr zur Rampe geschlendert. Die Ware wird, wie angekündigt, ab 10:30 Uhr verpackt. Endgültige Beladung um 11:30 Uhr. Währenddessen ruft der Mega-Möbel-Kunde bei Gerhard an. „Wo bleibt die Lieferung? Es ist fast halb zwölf! Der Herr Schmidt vom Alpha-Vertrieb hat mir 9 Uhr zugesichert!“

Gerhard versucht zu beschwichtigen, jongliert mit Halbwahrheiten. Günther, der die Strecke nach Buxtehude jetzt mit einem Bleifuß statt Lenkzeit-konform fährt, meldet um 13:15 Uhr die erfolgreiche Entladung. Der Kunde in Buxtehude ist stinksauer. Die „sichere Rückladung“ in der Nähe, die Gerhard Günther für den Rückweg versprochen hatte, entpuppt sich als 120 Kilometer entfernte Luftfrachtsendung, die angeblich „direkt am Weg“ lag. Günther fährt leer zurück. Der Chef fragt später nach der Marge. Gerhard schweigt.

Branchenfazit

„Manchmal hat man das Gefühl, der Tourenplan ist eine Speisekarte. Jeder bestellt, was er will, und die Küche soll es dann bitte kochen – egal, welche Zutaten fehlen.“

Fazit, unromantisch ehrlich: Der Tag endet nicht mit einem Happy End. Der Alpha-Vertrieb hat „geliefert“, Mega-Möbel ist trotzdem unzufrieden, und Blech & Bohrer hat seine Frühstückspause in vollen Zügen genossen. Gerhard hat Kopfschmerzen, Günther hat seine Lenkzeit maximal ausgereizt, und der Chef wundert sich, warum die Kosten für Sonderfahrten und Leerfahrten mal wieder in die Höhe geschnellt sind. Alle Beteiligten haben ihren Teil zum Chaos beigetragen – wie immer, wenn die Realität der Uhrzeit auf die Fantasie des Kunden trifft.

Hinweis: Dieser Beitrag ist Satire.